Wer an Vorarlberg denkt, denkt an Berge, Wanderwege, Skipisten, den Bodensee und eine beeindruckende Natur. Kaum ein anderes Bundesland wird so stark mit Bewegung und Sport verbunden. Die Möglichkeiten, aktiv zu sein, sind nahezu unbegrenzt. Gleichzeitig verbringen aber auch hier viele Menschen einen großen Teil ihres Tages sitzend. Im Büro, im Auto oder im Homeoffice. Die Frage ist deshalb nicht, ob Vorarlberg ein Sportland ist. Die spannendere Frage lautet: Wie bewegt sich Vorarlberg tatsächlich?
Vielleicht haben Sie heute bereits drei oder vier Stunden gesessen, bevor Sie diesen Artikel überhaupt geöffnet haben. Das trifft auf viele Menschen zu. Obwohl wir zwischen Bergen, Wanderwegen und Radstrecken leben, findet ein großer Teil unseres Alltags im Sitzen statt. Bewegung ist längst nicht mehr selbstverständlich, sondern muss häufig bewusst in den Tagesablauf integriert werden.
Ein Blick auf aktuelle Daten zeigt schnell ein interessantes Bild.
Mehr als ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung sitzt täglich über acht Stunden. Gleichzeitig sitzen nur etwa 30 % weniger als vier Stunden pro Tag. Besonders kritisch ist dabei, dass ungefähr jede vierte erwachsene Person täglich mehr als vier Stunden sitzt, ohne in ihrer Freizeit regelmäßig körperlich aktiv zu sein.
Auf den ersten Blick scheint dieses Bild jedoch nicht ganz zur Situation in Vorarlberg zu passen.
Der aktuelle Gesundheitsbericht des Landes Vorarlberg zeigt nämlich, dass Alltagswege von mindestens zehn Minuten durchschnittlich an 4,9 Tagen pro Woche zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Rund 40 % der Vorarlbergerinnen und Vorarlberger bewegen sich sogar täglich auf diese Weise. Vorarlberg verfügt also grundsätzlich über gute Voraussetzungen für einen aktiven Lebensstil und viele Menschen nutzen diese Möglichkeiten auch im Alltag.
Wie passt das zusammen?
Die Daten zeigen zunächst ein positives Bild. Viele Vorarlbergerinnen und Vorarlberger integrieren Bewegung bereits erfolgreich in ihren Alltag. Gleichzeitig erfüllt jedoch nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Vorarlberger Bevölkerung die internationalen Bewegungsempfehlungen vollständig. Lediglich rund 29 % der 15- bis 29-Jährigen, 21 % der 30- bis 59-Jährigen und nur noch 13 % der über 60-Jährigen erreichen sowohl die empfohlenen Umfänge an Ausdauer- als auch Krafttraining. Je nach Altersgruppe erfüllt gleichzeitig rund die Hälfte der Bevölkerung keine dieser beiden Empfehlungen.
Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Tatsächlich zeigt es jedoch, dass Bewegung allein nicht automatisch ausreicht. Entscheidend ist nicht nur, dass wir uns bewegen, sondern auch, wie wir unseren Körper belasten. Ein zehnminütiger Fußweg oder eine kurze Fahrt mit dem Fahrrad sind wertvolle Bestandteile eines gesunden Alltags. Sie setzen jedoch andere Belastungsreize als ein gezieltes Training. Unser Körper passt sich immer an die Belastung an, der er regelmäßig ausgesetzt ist. Erst wenn diese Belastung eine bestimmte Intensität erreicht, entstehen Anpassungen wie mehr Muskelkraft, eine höhere Knochendichte oder Verbesserungen der körperlichen Leistungsfähigkeit.
Dabei entsteht häufig ein Missverständnis. Viele Menschen sind am Wochenende durchaus aktiv. Es wird gewandert, Rad gefahren oder im Winter Ski gefahren. Das ist zweifellos gesund und wertvoll. Dennoch kann ein aktives Wochenende einen bewegungsarmen Alltag nur teilweise ausgleichen. Unser Körper reagiert nicht ausschließlich auf die Gesamtmenge an Bewegung, sondern auch auf deren Regelmäßigkeit. Wer fünf Tage überwiegend sitzt und versucht, die gesamte Bewegung auf Samstag und Sonntag zu verlagern, setzt zwar wichtige Belastungsreize, erreicht jedoch nicht dieselben Anpassungen wie durch regelmäßige Bewegung über die gesamte Woche hinweg.
Gerade Krafttraining wird in diesem Zusammenhang häufig unterschätzt. Viele Menschen verbinden Bewegung in erster Linie mit Wandern, Radfahren oder Laufen. Diese Aktivitäten verbessern vor allem die Ausdauer und das Herz-Kreislauf-System. Krafttraining verfolgt jedoch andere Ziele. Es trägt dazu bei, Muskelmasse zu erhalten, die Knochengesundheit zu unterstützen, die körperliche Belastbarkeit im Alltag zu verbessern und altersbedingten Veränderungen entgegenzuwirken. Ausdauer- und Krafttraining ergänzen sich daher und sollten nicht als Gegensätze betrachtet werden.
Die Bedeutung regelmäßiger körperlicher Aktivität zeigt sich auch an den gesundheitlichen Folgen. Rund 24 % der österreichischen Bevölkerung berichten, innerhalb der vergangenen zwölf Monate zumindest einmal unter Rückenschmerzen gelitten zu haben. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Anteil weiter an. Gleichzeitig gelten bereits 55 % der Männer und 39 % der Frauen als übergewichtig oder adipös. Beide Entwicklungen stellen unser Gesundheitssystem vor große Herausforderungen.
Vorarlberg bietet hervorragende Voraussetzungen für einen aktiven Lebensstil. Die Natur beginnt oft direkt vor der Haustüre und viele Menschen nutzen diese Möglichkeiten bereits regelmäßig. Gleichzeitig verändert sich unser Alltag stetig. Berufliche Tätigkeiten werden digitaler, Wege werden häufiger mit dem Auto zurückgelegt und ein großer Teil des Tages findet vor Bildschirmen statt. Gerade deshalb gewinnt regelmäßige Bewegung zunehmend an Bedeutung.
Die aktuellen Daten aus Vorarlberg machen gleichzeitig Mut. Viele Menschen integrieren Bewegung bereits erfolgreich in ihren Alltag. Alltagswege zu Fuß oder mit dem Fahrrad gehören für einen großen Teil der Bevölkerung selbstverständlich dazu. Die eigentliche Herausforderung scheint daher häufig weniger darin zu liegen, neue Gewohnheiten zu schaffen. Vielmehr geht es darum, bestehende Gewohnheiten gezielt zu ergänzen. Bereits ein bis zwei regelmäßige Krafttrainingseinheiten pro Woche können einen aktiven Alltag sinnvoll erweitern und einen wichtigen Beitrag für Muskelkraft, Knochengesundheit und langfristige Belastbarkeit leisten.
Vorarlberg ist und bleibt ein Bundesland mit außergewöhnlichen Möglichkeiten für Bewegung. Entscheidend ist jedoch nicht, welche Möglichkeiten vorhanden sind, sondern wie wir sie im Alltag nutzen. Zwischen Bergen, Bürostuhl und Bewegungsmangel entscheidet letztlich nicht das Wochenende über unsere Gesundheit, sondern das, was wir Woche für Woche regelmäßig tun.
Quellen:
Organisation for Economic Co-operation Development, & World Health Organization. (2023). Step up! Tackling the Burden of Insufficient Physical Activity in Europe. (1st ed.). Organization for Economic Cooperation & Development.
Manz, K. (2022). Wie viel sitzen Erwachsene? Ergebnisse der Studie Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA 2019/2020-EHIS). Journal of health monitoring, 7(3), 32–40. https://doi.org/10.25646/10294
Steinlechner, C (2019). Chronische Schmerzen des Rückens und ihre Assoziationen mit sozioökonomischen bzw. psychosozialen Variablen in Österreich analysiert anhand des ATHIS 2014. Humanmedizin; [Diplomarbeit] Medizinische Universität Graz. pp. 56
Link: https://vorarlberg.at/-/landesgesundheitsbericht-wie-xsund-ist-vorarlberg

