Wer sich gesund ernähren möchte, sollte auf Burger, Schnitzel und Cordon Bleu verzichten, möglichst nie über die Stränge schlagen und beim Blick in die Speisekarte am besten gleich nach dem Salat suchen. Zumindest könnte man diesen Eindruck bekommen, wenn man sich manche Ernährungsempfehlungen in sozialen Medien ansieht. Die Realität ist glücklicherweise etwas weniger kompliziert. Denn ein gesunder Lebensstil bedeutet nicht, möglichst perfekt zu essen. Und er bedeutet schon gar nicht, auf alles verzichten zu müssen, was einem schmeckt.
Auch ich als Sportwissenschafter und Personal Trainer gehe gerne ins Gasthaus Seibl und esse dort beispielsweise ein Cordon Bleu. Und nein, am nächsten Morgen stehe ich deshalb nicht mit schlechtem Gewissen auf und versuche, es mit einer zusätzlichen Stunde auf dem Laufband wieder gutzumachen. Das wäre nicht nur wenig zielführend, sondern würde Ernährung und Bewegung in ein Verhältnis setzen, das ich grundsätzlich für problematisch halte.
Ein großer Teil der Verwirrung rund um gesunde Ernährung entsteht meiner Meinung nach durch unser ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken. Bestimmte Lebensmittel werden als gesund bezeichnet, andere als ungesund. Salat ist gut, Burger ist schlecht. Gemüse ist gut, Schnitzel ist schlecht. So einfach funktioniert Ernährung allerdings nicht.
Nehmen wir einen Burger als Beispiel. Sobald Tomaten, Gurken oder Salat zwischen zwei Brothälften liegen, verändern sie nicht plötzlich ihre ernährungsphysiologischen Eigenschaften. Gleichzeitig macht ein Salatblatt aus einem Burger natürlich noch keine ausgewogene Mahlzeit. Entscheidend ist vielmehr, was tatsächlich auf dem Teller liegt. Welche Qualität hat das Fleisch? Wie wurde es zubereitet? Wie viel Fett wurde verwendet? Welche Sauce und welche Menge davon kommt zum Einsatz? Welches Brot wird verwendet? Wie groß ist die Portion und welche Beilagen werden dazu gegessen? All diese Faktoren beeinflussen die Zusammensetzung einer Mahlzeit.
Genau deshalb ist auch die pauschale Aussage „Essen im Gasthaus ist ungesund“ wenig sinnvoll. Es macht einen erheblichen Unterschied, welche Zutaten verwendet werden, welche Qualität die Ausgangsprodukte haben und wie daraus ein Gericht zubereitet wird. Wenn ein Gasthaus wie das Gasthaus Seibl Wert auf hochwertige Zutaten und gute Qualität legt, ist das ein relevanter Teil dieser Betrachtung. Gleichzeitig entscheidet natürlich auch der Gast selbst mit. Was bestelle ich? Wie viel esse ich? Wie häufig esse ich bestimmte Gerichte? Ernährung lässt sich eben nicht anhand des Namens eines Gerichts beurteilen.
Noch wichtiger ist allerdings eine andere Frage: Wie relevant ist diese eine Mahlzeit überhaupt für meine Gesundheit?
Angenommen, jemand bewegt sich regelmäßig, betreibt Krafttraining, ernährt sich die meiste Zeit ausgewogen und geht am Wochenende mit Freunden oder der Familie ins Gasthaus. Dort bestellt er ein Cordon Bleu mit Beilage und vielleicht anschließend noch ein Dessert. Ist dadurch plötzlich seine gesamte Ernährung schlecht geworden? Natürlich nicht. Genauso wenig wird jemand gesund leben, nur weil einmal pro Woche ein Salat auf dem Teller liegt, während Bewegung, Schlaf und Ernährung während des restlichen Alltags kaum Beachtung finden.
Unser Körper führt schließlich keine Tagesabrechnung durch, bei der um Mitternacht entschieden wird, ob wir heute gesund oder ungesund gelebt haben. Entscheidend sind vielmehr die Gewohnheiten, die wir über Wochen, Monate und letztlich Jahre aufrechterhalten. Eine einzelne Mahlzeit hat darin ihren Platz, ist aber eben nur eine einzelne Mahlzeit.
Problematisch finde ich deshalb auch die Vorstellung, man müsse sich Essen zunächst „verdienen“ oder anschließend wieder „abtrainieren“. Wer am Abend essen geht, muss nicht vorsorglich das Mittagessen auslassen. Und wer sich ein Cordon Bleu bestellt, muss am nächsten Tag nicht eine zusätzliche Trainingseinheit absolvieren, um die aufgenommenen Kalorien wieder loszuwerden. Training sollte keine Strafe für das Abendessen sein. Wir trainieren, weil ein leistungsfähiger Körper, ausreichend Muskelkraft und regelmäßige Bewegung wesentliche Bestandteile unserer Gesundheit sind. Nicht, damit wir uns anschließend ohne schlechtes Gewissen etwas zu essen erlauben dürfen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Menge und Häufigkeit vollkommen egal wären. Wer jeden Tag deutlich mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht, und sich überwiegend von sehr energiereichen, nährstoffarmen Lebensmitteln ernährt, wird langfristig andere Auswirkungen erwarten müssen als jemand, dessen Ernährung überwiegend ausgewogen und abwechslungsreich ist. Genau hier liegt aber der entscheidende Unterschied zwischen einer sinnvollen Betrachtung und dem typischen Schwarz-Weiß-Denken. Es geht nicht darum, so zu tun, als wäre jedes Lebensmittel in jeder Menge gleichermaßen günstig. Es geht darum, die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.
Dasselbe gilt übrigens auch in die andere Richtung. Ein Lebensmittel erhält nicht automatisch einen gesundheitlichen Heiligenschein, nur weil „Protein“, „Fitness“, „Bio“ oder „Superfood“ draufsteht. Auch hier lohnt sich der Blick darauf, was tatsächlich enthalten ist und wie das Produkt in die gesamte Ernährung passt. Unser Körper kennt schließlich keine Marketingkategorien. Ein kleiner Tipp für den nächsten Einkauf: Vergleichen Sie einmal bei einem gewöhnlichen Produkt und der entsprechenden „Protein“-Variante die Nährwertangaben. Beispielsweise bei Cottage Cheese. Nicht selten stellt man dabei fest, dass bereits das normale Produkt sehr proteinreich ist und die beworbene Protein-Variante kaum oder gar nicht mehr Protein enthält. Der auffälligste Unterschied findet sich dann manchmal eher auf der Verpackung als in der Nährwerttabelle.
Und ohnehin wäre es zu einfach gedacht, Gesundheit ausschließlich über Ernährung zu definieren. Regelmäßige Bewegung und Krafttraining spielen ebenso eine Rolle wie ausreichend Schlaf, Erholung, der Umgang mit Stress und soziale Beziehungen. Auch gemeinsam Zeit zu verbringen, sich mit Freunden zu treffen und Essen bewusst zu genießen, gehört für mich zu einem guten und langfristig lebbaren Lebensstil.
Genau deshalb halte ich wenig von Ernährungskonzepten, die auf möglichst vielen Verboten aufbauen. Natürlich kann man für einige Wochen nahezu alles optimieren, jede Mahlzeit planen und jede vermeintliche Ernährungssünde vermeiden. Die wesentlich interessantere Frage ist jedoch, ob man diesen Lebensstil auch in einem Jahr, in fünf Jahren oder in zwanzig Jahren noch führen kann.
Gesundheit entsteht nicht durch Perfektion, sondern vor allem durch langfristige Gewohnheiten. Wer sich regelmäßig bewegt, seinen Körper kräftigt, überwiegend ausgewogen isst, auf Schlaf und Erholung achtet und grundsätzlich gut auf sich achtet, darf auch genießen. Ohne schlechtes Gewissen und ohne am nächsten Morgen eine mathematische Gleichung aufstellen zu müssen, wie viele Kniebeugen das gestrige Cordon Bleu nun wert war.
Ein gesunder Lebensstil muss nicht perfekt sein. Er muss vor allem langfristig lebbar sein. Und wenn für das letzte bisschen gesundheitliche Optimierung kein Platz mehr für Genuss, gutes Essen und einen gemeinsamen Abend im Gasthaus bleibt, stellt sich irgendwann die Frage, ob der zusätzliche Nutzen diesen Preis tatsächlich wert ist.
